Ein aktuelles Selbstverständnis der Informatik

Informatik beeinflusst und durchdringt unser heutiges Leben immer mehr. Eine Vielzahl von Informatikanwendungen ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Dafür ist Grundlagenforschung im Kerngebiet der Informatik unabdingbar, ohne die weder die heute etablierten Anwendungen möglich gewesen wären, noch neue Entwicklungen entstehen können. Um erfolgreich zu forschen, benötigen Informatikerinnen und Informatiker nicht nur geeignete Randbedingungen, sondern auch spezifische Fähigkeiten. Zu diesen zählen:

  • Die Fähigkeit zur Suche allgemeiner Lösungen:
  • In allen Teilgebieten der Informatik stehen allgemeine Ansätze im Vordergrund, die von einem bestimmten Problem abstrahieren, um allgemeinere Klassen vergleichbarer Probleme zu lösen. Ein Beispiel aus der Algorithmik/Theoretischen Informatik sind hier Anwendungen wie Projektplanung, Schaltkreislayout oder der Transportoptimierung. Auch in der Praktischen Informatik geht es um die Entwicklung von Plattformen, Produktlinien und Rahmenwerken ganzer Anwendungsfamilien statt spezifischer Anwendungen.
  • Modellierung und Abstraktion:
  • Die Abstraktion und Modellierung großer und komplexer Systeme ermöglicht die Bildung und Analyse geeigneter Modelle von Systemen, die aus sehr vielen miteinander wechselwirkenden (Software-) Einzelteilen besteht. Ausgehend von gegebenen Hardware- oder Systemarchitekturen, ja sogar von konkreten Programmieransätzen müssen die Forscherinnen und Forscher dabei abstrahieren. Dennoch muss immer gewährleistet sein, dass das Modell später in verschiedenen konkreten Systemumgebungen implementiert werden kann. Dabei sollen schon während der Modellbildung Aussagen über das System gemacht werden, das Modell muss gleichsam analysiert werden. Die Informatik entwickelt daher in ihren verschiedenen Fachrichtungen originär Spezifikations- und Analyse-Methoden mit präzisen formalen Beschreibungen, wobei auch Methoden aus der Mathematik und Logik einfließen. Spezifisch für die Informatik ist auch der (gleichzeitige) Umgang mit verschiedenen Abstraktionsstufen, der Nachweis der Konsistenz von Modellen auf verschienen Abstraktionsebenen (Verifikation), sowie die formale Beschreibung von Modellen selbst (Meta-Modellierung).

Die Kerninformatik teilt sich ihrem Wesen nach in die eher grundlagenorientierte Theoretische Informatik und die eher ingenieurwissenschaftliche Praktische und Technische Informatik. Zentraler Aspekt des grundlagenorientierten Teils sind hierbei gleichsam die Grenzen des Machbaren. Dabei geht es sowohl um die Grenzen des in akzeptabler Zeit Lösbaren, wie in der Komplexitätstheorie, als auch um die Grenzen dessen, was überhaupt berechnet werden kann.

Der eher ingenieurwissenschaftliche Teil der Informatik beschäftigt sich mit Prinzipien, Entwicklungsverfahren, Werkzeuge und Plattformen für Systeme. Hier entwickelt die so genannte Angewandte Informatik in enger Abstimmung mit Anforderungen, die aus der Gesellschaft, der Industrie und den einzelnen Anwendungs¬disziplinen stammen, Lösungen. Das wird erst durch den reichen Fundus an Methoden und Verfahren aus der Grundlagenforschung und den Ingenieurwissenschaften möglich. Andererseits stellen sich aus den konkreten Anforderungen heraus Probleme, mit denen sich die Grundlagenforschung beschäftigt.

Dieser fruchtbare Austausch innerhalb der Informatik, zwischen den von ihren Herangehensweisen und Denkarten recht unterschiedlichen Disziplinen der Grundlagen- und Ingenieurwissenschaften, gehört zum Wesen der Informatik grundlegend hinzu. Die Basis dafür legt nicht zuletzt eine fundierte Ausbildung in der Kerninformatik, die einen fruchtbaren Austausch von Methoden und Wissen, eine „gemeinsame Sprache“, zwischen Grundlagenforschung und Anwendung ermöglicht. Die Entwicklung neuer Anwendungen ist erst dann möglich, wenn die Grundlagen¬wissenschaften ebenso wie die Anwendung einbezogen sind - das gilt schon für die Ausbildung von Informatikerinnen und Informatikern.

Literaturhinweise: Positionspapier der GI "Was ist Informatik?"