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Drei Thesen für eine zeitgemäße Struktur des universitären Systems in DeutschlandMit der deutschen Universitätslandschaft befindet sich auch die Informatik im Umbruch. In den letzten Jahren wurde viel über die notwendigen Veränderungen in der Struktur der Universitäten diskutiert, die es erlauben, international wettbewerbsfähig zu bleiben. Die Namen Bologna und Lissabon verknüpfen sich mit dem ordnungspolitischen Rahmen der Veränderungen. Auf der einen Seite soll eine Angleichung des Systems an andere europäische Systeme den flexiblen Austausch fördern, auf der anderen Seite sollen die Stärken des deutschen Systems unterstützt werden. Der derzeitige Umbruch betrifft insbesondere die neue Generation von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie Hochschullehrerinnen und -lehrern, die in Universitäten oder universitätsnahen Instituten arbeiten. Statt der vielen kleinen alltäglichen Fortschritte oder Probleme wollen wir hier vielmehr den Blick auf die besonderen Bedürfnisse der Informatik als Querschnittsfach und die daraus entstehenden Chancen zur Interdisziplinarität lenken. Die Informatik ist eine noch relativ junge Wissenschaft im Fächerkanon der Universitäten. Ähnlich wie die Mathematik hat die Informatik Anknüpfungspunkte zu vielen anderen Disziplinen. Ähnlich wie bei den klassischen Ingenieurwissenschaften gibt es sehr enge Beziehungen zur Industrie. Aus den Diskussionen im Kreis der durch die DFG im „Aktionsplan Informatik“ geförderten Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern und dem Vergleich der Vor- und Nachteile verschiedener internationaler Systeme sind folgende Empfehlungen hervor gegangen, die beschreiben, welche Richtung die Weiterentwicklung der deutschen Universitätslandschaft nehmen sollte. 1. Flexibilisierung der Forschungs-, Lehr- und VerwaltungsaufgabenUniversitäten praktizieren seit langem die Einheit von Forschung und Lehre und haben den klaren Auftrag, gleichzeitig das Wissen in der jeweiligen Disziplin voranzutreiben und eine fundierte und anwendungsnahe Ausbildung der Studierenden zu garantieren. In den letzten Jahren wurde diese Einheit jedoch immer stärker auf die Person des jeweiligen Lehrstuhlinhabers konzentriert. Hier ist eine Person nicht nur verantwortlich, alle Aktivitäten des Lehrstuhls zu koordinieren, sondern diese Person muss die damit zusammenhängenden Arbeiten auch tatsächlich selbst durchführen. Das ist insbesondere bedenklich, da derzeit die Priorität klar auf dem Forschungsaspekt und der damit verbundenen zeitintensiven Einwerbung und Verwaltung von Drittmitteln liegt. Die Lehrtätigkeit wird deshalb oft auf das minimal Notwendige beschränkt. Die Chancen die sich durch eine Harmonisierung des Vorlesungskanons über die Fakultät oder über mehrere Fakultäten hinweg im Rahmen der Bachelor- und Masterstudiengänge ergeben, können nicht vollständig genutzt werden. Als Konsequenz sinkt langfristig die Qualität der Universitätsausbildung. Dieses Problem wird dadurch verschärft, dass kein Mitarbeiter lang genug an einem Lehrstuhl beschäftigt ist, um ein eingehendes Wissen über die Verwaltungsabläufe zu erwerben, die dauerhafte Entwicklung eines Curriculums zu unterstützen oder den Studierenden grundlegende Inhalte langfristig auf qualitativ hohem Niveau anbieten zu können. In der Informatik wird die Forschung zunehmend projekt-orientiert, was insbesondere auf Ebene der Förderung durch die Europäische Kommission zu einer weiteren Erhöhung des Verwaltungsaufwands führt und das Problem der Arbeitszeitoptimierung auf Kosten der Lehre verschärft. Wünschenswert wäre hier eine Flexibilisierung, die es ermöglicht, Aufgaben gleichermaßen in der Lehre, Verwaltung und Forschung innerhalb der Organisationseinheit zu delegieren. Hier reicht die Schaffung etwa neuer Extraordinate, die dann wieder eigenständige Gruppen darstellen, nicht aus. Ähnlich der im britischen Hochschulsystem vorhandenen Position des Lecturers sollten bestimmte Aufgaben in der Forschung, Lehre und bei der Leitung von Forschungsprojekten innerhalb der Organisationseinheit von dauerhaft beschäftigten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ausgeführt werden können. Qualifiziertem Nachwuchs sollte ein Weg in diese Lecturer-Positionen geöffnet werden. Bei besonderer Qualifikation sollte die Position eines Lecturers über einen so genannten Tenure Track langfristig auch in eine Professur übergehen können. Anders als bei der jetzigen Situation des „Alles oder Nichts“ könnte dem wissenschaftlichen Nachwuchs so auch an der Universität eine der industriellen Forschung vergleichbare Lebensperspektive geboten werden. So könnte das gerade in der Informatik nahe liegende und oft frühzeitige Abwandern von qualifizierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in die Industrie eingedämmt werden. Um darüber hinaus auch den raschen Innovationszyklen der Informatik gerecht zu werden, sollte auch für Professorinnen und Professoren die Möglichkeit bestehen, die eigene Arbeitskraft im Rahmen eines Zeit-Portfolios flexibel auf Forschung und Lehre aufzuteilen. Erfordern Forschungsprojekte für einen längeren Zeitraum die volle Aufmerksamkeit und ein zeitintensives Management (etwa in internationalen Projekten oder Technologie-Standardisierungen mit der Industrie), sollten die Lecturer verstärkt Aufgaben in der Lehre übernehmen und so den Versorgungsauftrag gegenüber den Studierenden erfüllen. Oder aber ein Lecturer widmet sich voll einem Forschungsprojekt und die Professorin/ der Professor engagiert sich verstärkt in der Lehre. Grundsätzlich sollten diese Lecturer-Positionen aus Projektmitteln und/oder zentralen Mitteln der Fakultät finanziert werden können. 2. Freie Verfügung über bewilligte ForschungsgelderGerade die Informatik ist durch extrem schnelle Entwicklungszyklen geprägt. Dabei wirken die starren Ausgaberichtlinien für die bewilligten Budgets oft als Hemmschuh, die schnell fortschreitende Entwicklung macht eine exakte Projektplanung auf einen Zeitraum von mehreren Jahren im besten Fall spekulativ, im schlimmsten Fall unmöglich. Obwohl Geld vorhanden ist, kann aktuellen Entwicklungen oft nicht Rechnung getragen werden, weil Gelder zweckgebunden sind. Auch wenn erste Schritte einer Flexibilisierung bereits angegangen wurden, gerade bei den Projekten getragen von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, muss dieser Weg trotzdem konsequent weiter beschritten werden. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sollten das Vertrauen der Bevölkerung und ihrer Vertreter haben, mit den knappen Finanzressourcen so effizient wie möglich umzugehen. Sicherlich muss die Verteilung der Mittel exzellenzgetrieben gesteuert, die Qualität überprüft und die Korrektheit und Sachdienlichkeit der Ausgaben etwa durch den Rechnungshof kontrolliert werden. Hier wäre aber eine Rückbesinnung auf Inhalte hilfreich, wofür die Forschungsförderung der DFG ein sehr gutes Beispiel ist. Die Kultur wissenschaftlicher Publikationen zeigt hier einen Weg auf, wie ohne bürokratische Hürden Ideen durch die Gemeinschaft der Forscherinnen und Forscher geprüft und bewertet werden können: Wissenschaft soll forschen und über ihre Forschung berichten. Diese Berichterstattung sollte konsequent überprüft, gewertet und bei späteren Projektanträgen in Betracht gezogen werden. Projektanträge sollen Geld für neue Forschung einwerben. Die Anträge sollten eine Vision vermitteln, die Methodik, die Forschungsfragen und das wissenschaftlich-technische oder auch industrielle Potential des Projekts diskutieren und mit dem jeweils aktuellen Stand der Wissenschaft vergleichen. Das Forschungsvorhaben sollte aber nicht auf die exakte Planung aller Einzelbeschaffungen herunter gebrochen werden müssen, da dabei derzeit häufig vorsorglich Platzhalter für unerwartete Entwicklungen beantragt werden. Ein knappes, überschlägig abgeschätztes und dann im Laufe des Projekts flexibel anwendbares Projektbudget ist allemal sinnvoller als ein üppiges Budget mit dem man aber nicht die eigentlich im Projektverlauf als sinnvoll erkannten Ausgaben tätigen kann. 3. Thematische SchwerpunktbildungForschung und Lehre haben oft diametrale Anforderung an die Verteilung beziehungsweise die Konzentration von Spezialwissen innerhalb der Universität. Für international sichtbare Spitzenforschung ist es notwendig, dass ein möglichst enger Kontakt zwischen den Forscherinnen und Forschern eines Spezialgebiets besteht. Aus dieser Sicht wäre eine thematische Konzentration an einer Fakultät also wünschenswert. Aus der Sicht der einzelnen Universitäten wird heute aber zumeist eher die fachliche Breite angestrebt, um eine umfassende Lehre anbieten zu können. Zwar bilden einige Universitäten bereits gewisse Schwerpunkte, beispielsweise durch die Kooperation mit anderen Fakultäten oder der örtlichen Wirtschaft. Die Spezialisierung sollte aber noch viel weiter gehen können, wenn sie sich aus der Forschung heraus ergibt. Universitäten, vertreten durch die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eines bestimmten Forschungsschwerpunkts, sollten frei sein, ihren Forschungsschwerpunkt weiter zu stärken, wenn dadurch Spitzenforschung in einem Gebiet ermöglicht wird, was ja auch dem Sinn der gerade anlaufenden Exzellenzinitiative entspricht. Dabei könnte jedoch auch die Lehre, wie z.B. ein entsprechender Masterstudiengang, an dem die Professuren des Schwerpunkts beteiligt sind, das Rückgrat bilden. Universitäten sollten sich einer derartigen innerfachlichen Schwerpunktbildung weiter öffnen, indem sie es Studierenden ermöglichen, während des Master- und Promotionsstudiums eine gewisse Zeit an anderen Universitäten zu verbringen, um so die dort vertretenen Schwerpunkte zu studieren. Ein solches Wanderstudium sollte möglichst auch Universitäten aus anderen europäischen Ländern mit einschließen. Das Erasmus Programm der EU zeigt hier bereits einen guten Weg auf. Umgekehrt sollten es auch Wissenschaftlerinnen Wissenschaftlern aus den fachlichen Schwerpunkten ermöglicht werden, an anderen Universitäten Lehre zu ihrem Schwerpunkt anzubieten, beispielsweise im Bachelorstudium. Insgesamt würde so durch eine thematische Konzentration von Spitzenwissenschaftlern an einzelnen Standorten die Spitzenforschung in Deutschland gefördert. Gleichzeitig würde aber auch die gerade in Deutschland bewährte breite Qualität der Informatikausbildung an Universitäten gewahrt. Im Folgenden zeigen wir Themenfelder auf, die in der Informatik besondere wissenschaftliche aber auch gesellschaftliche Tragweite haben. Diese könnten als Schwerpunkte der universitären Forschung herausgearbeitet werden. Voran stellen wir ein aktuelles Selbstverständnis der Informatik, das die allgemeine Wichtigkeit dieses Themas verdeutlicht. |